Nürnberger Dialog zur Berufsbildung am 04.04.2025
Prüfungen 4.0: Welche Rolle spielen Digitalisierung und KI?
Wie sehen die schriftlichen IHK-Prüfungen der Zukunft aus und welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und KI? Dieser Frage wurde im Rahmen des siebten Nürnberger Dialogs zur Berufsbildung in wissenschaftlichen Vorträgen, Diskussionen und Praxislaboren nachgegangen. Und auch eine wegweisende Premiere stand auf dem von Nathalie Reils moderierten Programm: Die noch in der Entwicklung begriffene „AkA-KI“ betrat in Form eines Prototyps erstmals die IHK-Bühne und wurde der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt.
Markus Lötzsch, Hauptgeschäftsführer der IHK Nürnberg für Mittelfranken, begrüßte hochkarätige Referenten aus der Wissenschaft und weit über 120 interessierte, aus ganz Deutschland angereiste Gäste aus allen Bereichen der dualen Ausbildung. Damit sei ein Ziel der Veranstaltung bereits erreicht: Erstmals die verschiedenen mit dem Thema verbundenen Stakeholder zusammenzubringen, um die vielerorts isoliert geführten Diskussionen rund um das digitale Prüfen zu öffnen. Jetzt müsse es gelingen, so Markus Lötzsch, der Debatte mehr Breite und Tiefe zu verleihen. Digitalisierung und künstliche Intelligenz erforderten nicht nur eine Auseinandersetzung mit neuen Prüfungsformen, sondern wirkten sich auch auf Prüfungsinhalte aus. Entsprechend müsse für jeden Beruf zunächst differenziert herausgearbeitet werden, welche Bedeutung Digitalisierung im jeweiligen berufsspezifischen Kontext habe. Erst dann könnten Rückschlüsse auf passgenaue Prüfungsformen und Prüfungsinhalte gezogen werden. Die mit dem Übergang auf digitale Prüfungen verbundenen Herausforderungen und die Auswirkungen seien so gewaltig, dass ein „nice to have“ als Begründung bei weitem nicht ausreiche.
AkA-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Vogel holte die Anwesenden in seinem Grundlagenvortrag thematisch ab und führte sie in die komplexe Welt der bundeseinheitlichen IHK-Prüfungen ein. Er zeigte die juristischen und organisatorischen Rahmenbedingungen sowie die testdiagnostischen Anforderungen an IHK-Prüfungen auf. Dabei wurde deutlich, wie reglementiert und professionalisiert Erstellung, Durchführung und Auswertung zentral erstellter, schriftlicher IHK-Prüfungsaufgaben mittlerweile ist. Bereits heute würden digitalisierte Workflows eine bedeutende Rolle spielen und auch in Zukunft einen hohen Stellenwert bei der weiteren Digitalisierung des Prüfungsprozesses einnehmen. Dies werde auch in den beiden AkA-Laboren, die an diesem Tag ihre Premiere feiern, sicht- und erlebbar. Hinsichtlich der Umstellung von papierbasierten auf digitale Prüfungen sei eine handlungsleitende Prämisse, dass diese nicht aus einem Selbstzweck heraus erfolgen dürfe. Vielmehr müsse die digitale Transformation innerhalb der kaum veränderbaren Rahmenbedingungen einen Mehrwert erzeugen, ohne dabei die Prüfungsqualität und die Justiziabilität der Prüfungen zu beinträchtigen und letztlich auch von allen Beteiligten mit vertretbarem Aufwand leistbar sein.
[LINK zu den Charts Dr. Vogel] (PDF, nicht barrierefrei, 2 MB)
Wie ein solcher Mehrwert aussehen könnte und welche Digitalisierungseffekte computergestützte Prüfungen generieren können, zeigte aus wirtschaftspädagogischer Perspektive Prof. Dr. Esther Winther von der Universität Duisburg-Essen. Ihre neuesten wissenschaftlichen Befunde sehen hier insbesondere Messzuwachs- und Authentizitätseffekte im Focus. Allerdings gelte es zu beachten, dass digital Prüfen nicht zwingend „Prüfen am PC“ bedeute. Es gehe vielmehr darum, wissensgestützte Handlungen in wechselnden und unterschiedlich beanspruchenden beruflichen Situationen zu erfassen. Professor Winther gab zudem einen Einblick in die Konstruktionslogik der ASPE-Workbench, einem neuen digitalen Werkzeug, welches im Rahmen des vom BMBF geförderten ASCOT+-Projekts in Zusammenarbeit zwischen der Universität Duisburg-Essen und der AkA entstand. Die Workbench unterstützt ehrenamtliche Aufgabenersteller mit einer Erstellungsroutine, Microlearnings und anderen Hilfsmitteln bei der Entwicklung kompetenzorientierter Prüfungsaufgaben in einer geschützten digitalen Umgebung. Sie stellt ein modernes, den Austausch unter den Aufgabenerstellern förderndes und qualitätssicherndes Collaboration-Tool dar.
[LINK zu den Charts Prof. Dr. Winther] (PDF, nicht barrierefrei, 5 MB)
Dem gleichen Ziel, nämlich das Ehrenamt im Prozess der Aufgabenerstellung zu entlasten, dient das neueste AkA-Forschungsprojekt „AkA-KI“. In Kooperation mit der Hochschule Ansbach entsteht hier derzeit eine lokal gekapselte, konkret auf die Bedürfnisse der AkA zugeschnittene und programmierte KI-Anwendung. Deren Architektur und Funktionsweise stellten die beiden projektverantwortlichen Professoren Dr. Sigurd Schacht und Dr. Alexander Piazza in ihrer Präsentation erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor. Kein Wunder, dass die Zuhörer den Ausführungen sehr gespannt folgten, betritt die AkA hier doch wissenschaftliches und technisches Neuland. Herzstück des als Assistenzsystem konzipierten KI-Werkzeugs ist ein Agenten-Framework, bei dem mehrere digitale Experten – sogenannte Agenten – jeweils unterschiedliche Zuständigkeiten bei der Generierung und Evaluierung der Aufgabenvorschläge übernehmen und interagieren. Trainiert wurde das System u. a. mit den der Aufgabenerstellung zugrunde liegenden Qualitätsvorgaben wie z. B. dem Ersteller-Leitfaden der AkA, den AkA-Prüfungskatalogen sowie mit bereits gelaufenen Prüfungsaufgaben aus der AkA-Aufgabenbank. Perspektivisch ist geplant, die AkA-KI in die ASPE-Workbench zu integrieren, sodass beide Werkzeuge ineinandergreifend über eine gemeinsame Oberfläche komfortabel vom Ehrenamt online bedient werden können.
[LINK zu den Charts Prof. Dr. Schacht/Prof. Dr. Piazza] (PDF, nicht barrierefrei, 3 MB)
Nachdem in den Vorträgen am Vormittag Theorie und Konzeption der beiden neuen digitalen AkA-Werkzeuge „ASPE-Workbench“ und „AkA-KI“ vorgestellt worden waren, hatten die Besucher während der Mittagspause dann erstmals Gelegenheit, Praxisluft zu schnuppern und die beiden Tools im Live-Einsatz zu erleben. Hierfür waren zwei AkA-Praxis-Labore eingerichtet, in denen die beiden AkA-Projektteams die neuen Werkzeuge präsentierten, sich bei der Arbeit über die Schulter schauen ließen und zahlreiche Fragen der interessierten Teilnehmer beantworteten, aber auch Anregungen aufnahmen.
Das Nachmittagsprogramm eröffnete Prof. Dr. Dirk Heckmann von der TU München. Der Jurist verwies auf seine Erfahrungen aus dem Hochschulbereich und plädierte für einen proaktiven Umgang mit KI. Nach seiner Einschätzung sei KI ein „Gamechanger“ im Prüfungswesen. Es sei sogar geboten, KI künftig rechtssicher als Prüfungsinhalt so einzubeziehen, wie diese auch in der beruflichen Praxis Einzug hielten. Es gelte, den Auszubildenden eine umfassende KI-Kompetenz im Hinblick auf technisches und ethisches Verständnis sowie die Anwendung von KI-Instrumenten zu vermitteln. Er zeigte erste Ansätze auf, wie KI zum Prüfungsgegenstand werden könne. Voraussetzung dafür seien aber klare rechtliche Regelungen und Bedingungen zur Zulässigkeit, der Eigenständigkeit von Prüfungsleistungen und zur Chancengleichheit, um die Prüfungen rechtssicher durchzuführen.
[LINK zu den Charts Prof. Dr. Heckmann] (PDF, nicht barrierefrei, 3 MB)
Das Programm wurde inhaltlich mit einer in drei Slots gegliederten Podiumsdiskussion abgerundet.
Zunächst tauschten sich im Slot „Wissenschaft“ die Professoren Winther, Schacht, Piazza und Heckmann wissenschaftlich und interdisziplinär über die Notwendigkeit aus, digitale Elemente als Prüfungsinhalte zu verankern. Dabei dürfe man aber nicht aus den Augen verlieren, dass die Prüfungsinstrumente zu den konkreten Anforderungen des jeweiligen Berufsbilds passen müssten.
Im zweiten Slot „Umsetzer“ kamen IHKs und Aufgabenersteller zu Wort und somit Stakeholder, die die bundeseinheitlichen Prüfungen erstellen, organisieren und umsetzen müssen. Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass eine wesentliche Herausforderung des computergestützten Prüfens in der effizienten Organisation der hohen Teilnehmerzahlen unter Wahrung der Durchführungsobjektivität liegt, aber auch in der Erstellung des digitalen Contents.
Der dritte Diskussionsslot „Zielgruppen“ fokussierte auf die Adressaten der Prüfungen. So berichtete in dieser Runde ein Fachinformatiker, der erst kürzlich die Abschlussprüfung papiergebunden abgelegt hat, weshalb ihm eine Prüfung am PC und am eigenen Gerät mehr zugesagt hätte. Ein Unternehmer – ein Hotelier, der in mehreren Berufen ausbildet – zeigte sich grundsätzlich offen, warnte aber davor, Prüfungen pauschal in allen Berufen computergestützt durchzuführen, da der Medienwechsel nur dann sinnvoll sei, wenn er für das jeweilige Berufsbild mit einem konkreten Mehrwert einhergehe.
Dies bestätigten auch die Rückmeldungen der AkA-Fachausschussmitglieder auf eine Umfrage, die die AkA unter ihrem Ehrenamt im Herbst 2024 durchgeführt hatte und deren nicht-repräsentativen Ergebnisse die AkA zusammengefasst auf Pinnwänden beim Nürnberger Dialog erstmals veröffentlichte. Die Berufsexperten sollten eine Einschätzung zu digitalen Prüfungen in ihren jeweiligen Ausbildungsberufen abgegeben und berufsspezifische Inhalte identifizieren, in denen digitale Prüfungsformate einen Mehrwert zur Messung der beruflichen Handlungskompetenz erbringen könnten. Ergebnis war, dass zunächst „digital-affine“ Berufe im Mittelpunkt der digitalen Transformationsbemühungen stehen sollten und eine Ausweitung auf andere Berufe erst sukzessive folgen sollte, dabei aber immer die jeweils benötigten und in der Ausbildung vermittelten digitalen Kompetenzen den Maßstab darstellen müssten.
Nach dem Ende des offiziellen Programms nutzten zahlreiche Besucher die Gelegenheit zum informellen Austausch. Bereits hier zeigte sich, dass Konzeption und Inhalt der Veranstaltung einen Nerv getroffen und wichtige, grundlegende Impulse für die weitere Diskussion rund um die (digitalen) Prüfungen der Zukunft gegeben haben.
Nürnberg, im April 2025 - AkA/Vl/scb